Leseprobe aus: "Tausend Tage Wohnmobil -
- In drei Jahren durch Amerika, Australien und Neuseeland"

 

Kanada:

Mit dem eigenen Wohnmobil durch Kanada und Alaska

Kanada - wo beginnt eigentlich Kanada? Gleich nach der Grenze? Politisch auf jeden Fall. Aber war das schon das richtige Kanada, als wir in Tsawassen auf die Fähre rollten und durch ein spektakuläres Gewirr von bewaldeten Inseln nach Vancouver Island übersetzten? Das reizvoll englische Victoria - war das wirklich Kanada? Eigentlich schon, es ist ja schließlich die Hauptstadt von Britisch Kolumbien. Oder waren doch erst die Regenwälder, die Wasserfälle, die reizvollen Provinzpark-Campingplätze, an der Strait of Georgia gelegen, echtes Kanada? Als wir später mit unserem Rundfahrticket auf die andere Seite der Strait wechselten, auf die vom Festland aus unzugänglichen Halbinseln, da dachte ich: "Erst das ist das echte Kanada!" 
Vancouver?
Na gut, auch Kanada braucht Großstädte  Aber Kanada steigert sich, je weiter man "hineinfährt". Das richtige Kanada beginnt wohl doch erst hinter Kamloops, am Kariboo Highway wahrscheinlich, oder am Dugan Lake, jenem kleinen See, an dem Motorboote verboten sind, weshalb die Kanadier mit leisen Elektrobooten zum Angeln fahren. War das nicht schon das absolute Kanada­gefühl, als der urige Kanadier russischer Abstammung im Nieselregen mit der Kettensäge loszog um Holz fürs abendliche Lagerfeuer zu beschaffen?
Jetzt weiß ich es besser. Das "wahre" Kanada, das von dem wir später mit schwärmerischen Worten immer wieder erzählen werden, beginnt erst ein gutes Stück hinter Prince George. Es beginnt am Cassiar Highway, wo plötzlich kein Verkehr mehr ist und nur noch ab und zu ein einzelner Pickup-Camper über den aufgebrochenen Asphalt rumpelt, wo es keine Ortschaften mehr gibt, sondern nur noch vereinzelte Servicestationen. Wo plötzlich Schwarzbären am Straßenrand auftauchen, und ich aufgeregt nach der Kamera angele, durchs Autofenster ziele - und meist doch nur das Hinterteil von Meister Petz erwische. Wo plötzlich ein Elch knapp vor der Stoßstange über die Straße rennt, und ich schon wieder zu langsam mit dem Foto bin. 
Das
 "echte" Kanada beginnt da, wo der Staub und der Dreck der Schotterstraße eine innige Verbindung mit unserem Wohnmobil eingegangen sind. "North to Alaska!" hat Peter mit dem Finger in die Schmutzschicht am Heck geschrieben. "North to Alaska" - das ist inzwischen zum Ritual geworden. Jeden Morgen, wenn wir den Camper starten, schiebt Peter die Kassette in den Recorder, und wir singen aus voller Kehle mit.
Sicher, der Highway selbst ist keine reine Freude - staubiger Schotter, aufgerissener Asphalt, Waschbrettbuckel, nur ab und zu mal Teer - aber was ist das schon angesichts einer überwältigenden Landschaft, einer Fahrt durch einsame Wildnis. Was ist schon eine Dreckschicht auf dem Auto, wenn dich am Abend die schönsten Campingstellen erwarten! So wie gestern, der kleine See mit dem seltsamen Namen "Co-op Lake“, der plötzlich am Ende eines Waldweges vor uns lag. Dichter Wald umgab ihn, gelbe Wasserlilien blühten auf seiner Oberfläche, wir standen mit unserem Camper mutterseelenallein am Ufer - und kämpften einen aussichtslosen Kampf gegen eine Übermacht blutrünstiger Quälgeister.
O.K. – die Moskitos gehören auch zu Kanada. In Truppenstärke stürzen sich die Biester surrend auf jedes warmblütige Wesen, piesacken bevorzugt wehrlose Touristen, und nicht mal kräftiger Jeansstoff schützt vor dem Stich ihrer gierigen Saugrüssel. Nachts schmieren wir uns Autan ins Gesicht und liegen mit der Fliegenpatsche bewaffnet im Bett. Die Blutsauger schmuggeln sich hinterlistig in den Falten eines Pullovers ins Wohnmobil, überwinden mühelos den Rollmechanismus der Fliegengitter, schwirren augenblicklich durch jede, auch nur spaltbreit geöffnete Tür. Das ist das echte Kanada, genauso haben wir es uns immer vorgestellt. Die Schilderung nervtötender Moskitoangriffe fehlt in keinem noch so schwärmerischen, Bericht.


Mit dem eigenen Wohnmobil nach Kanada - Campingidylle auf kostenlosen Forestry-Campsites