Leseprobe aus: "Tausend Tage Wohnmobil -

- In drei Jahren durch Amerika, Australien und Neuseeland"

 

Neuseeland

Im eigenen Wohnmobil durch Neuseeland

…Die Einfuhr fremder Tierarten ging nicht immer gut aus, denn der Mensch brachte Ratten, Katzen, Hunde, Schafe, Rinder und Rotwild mit. Weidetiere und Rotwild setzen der heimischen Vegetation zu und Ratten, Katzen und Hunde stellen den flugunfähigen Vögeln nach. Dann kam man Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Idee, Kusus, australische Possums, einzuführen. Die Beuteltiere leben auf Bäumen, sind in etwa katzengroß und haben einen buschigen Schwanz.
Elegante Pelzmäntel sollten aus den nachtaktiven Gesellen werden. 60 $ erbrachte früher das Fell, wurde uns von einem Maori berichtet. Mittlerweile ist Pelz verpönt, und die putzigen Vegetarier, die sich von den Knospen und Trieben der empfindlichen heimischen Bäume ernähren, sind zur Plage geworden. Sie werden gejagt und vergiftet und ein großer Teil fällt dem nächtlichen Straßenverkehr zum Opfer, weil sie wie gebannt im Licht des Scheinwerferkegels auf der Straße sitzen bleiben. 
In
 allen Gebieten und Campgrounds, die vom DoC unterhalten werden, warnen große Tafeln vor ausgelegten Giftködern. Für Haustiere wie Hunde und Katzen besteht insofern keine Gefahr, als sie hier von vorneherein strikt verboten sind. In den Regionalparks, wo mitunter auch Weidetiere gehalten werden, geht es weniger streng zu. Da hat auch schon mal ein einzelnes Possum Narrenfreiheit. Im Awhitu Regional Park zum Beispiel steht mitten auf der Campingwiese ein ausladender Baum. Allen Nachstellungen zum Trotz hat hier ein Possum sein Revier. Fix und frech stibitzt es Brotstückchen, Nüsse und Rosinen und alles was es sonst noch kriegen kann, und beim Anblick des drolligen Gesellen vergisst jeder Camper und jeder Ranger, dass der kleine Australier eigentlich ein Schädling ist. Auch Jake, der Maori, der früher den Possums gegen Bares an den Pelz ging, lässt für den putzigen Baumbewohner ein paar Nüsse auf dem Picknicktisch liegen. Er campt mit Kind und Kegel und seiner tonganischen Ehefrau in einem winzigen Bus. Weil die Tage kürzer und die Abende kühl werden, zieht sich die Familie beizeiten in den Bus zurück, schaltet das Licht an und am Morgen ist die Batterie leer. Es ist dummerweise die Startbatterie - sein Bus hat nur die eine. Möglicherweise wäre ja sein altersschwacher Keilriemen schuld an der Misere, meint Jake. Aber natürlich könnte es genauso gut sein, dass die ganze Licht­maschine im Eimer ist.

Wir helfen mit unserem Generator aus, und während unser kleiner Honda leise tuckernd die Batterie lädt, erzählt uns Jake, dass er, seit er nicht mehr Jagd auf Possums macht, von Berufs wegen Spediteur ist. Er hat einen Kleinlaster, dem neben der Beförderung von Waren mitunter eine äußerst wichtige und ehrenvolle Aufgabe zukommt.

Jakes Ehefrau ist nämlich als Tonganerin eine treue und ergebene Untertanin seiner Majestät, König Taufa'ahau Tupou IV. Der schwergewichtige Tupou wiederum ist ein gewissenhafter Monarch, der seine Untertanen hin und wieder in der Fremde besucht. Die tonganische Gemeinde in Auckland ist zwar recht groß, aber als der König sich zum Besuch anmeldete, hatte keiner ein geeignetes Fahr­zeug, um die Königliche Hoheit so zu transportieren, dass er trotz seiner majestä­tischen Leibesfülle den huldigenden Untertanen zuwinken konnte. Aber Jake, der Maori, hatte einen Kleinlaster und einen Sessel der groß genug für das majestätische Hinterteil von Taufa'ahau Tupou IV. war. Und so tuckerte Jake mit dem huldvoll winkenden König auf der Ladefläche die jubelnden Reihen der tonganischen Gastarbeiter ab.

Am Nachmittag, als das Benzin im Generator zur Neige gegangen und Jakes Batterie wieder voll ist, düst die Familie von dannen. Abends kommen sie zurück, verdrücken sich in den Camper und schalten das Licht an...

Wir schalten auch das Licht an - dank unserer Stromsparlampen und der Solaranlage müssen wir uns deswegen keinen Sorgen machen - ziehen die Rollos herunter und lümmeln uns mit einem Schmöker in die Sitzecke.

"Was kratzt da an der Tür?" Das Geräusch ist so laut, dass es sogar Peter gehört hat. Mit der Taschenlampe in der Hand schleicht Peter nach draußen: Das Possum ist munter geworden, sitzt im Lichtkegel der Taschenlampe und sieht uns unverwandt an. Erst als Peter näher kommt, flüchtet es in seinen Baum und beäugt uns aus sicherer Entfernung.

Wir sind im Gegensatz zu Possums eindeutig tagaktiv. Selbst über dem interessantesten Roman werden uns irgendwann die Augen schwer, und wir ziehen die Bettdecke über die Ohren. Das Possum hingegen kommt jetzt erst richtig in Fahrt, rappelt an der Rückwand des Campers herum, und plötzlich tappst es ungeniert übers Dach und spitzt neugierig zur hochgekurbelten Dachluke im Alkoven herein.

"He, der Strolch fällt noch zu uns ins Bett herein und zerreißt dabei das Fliegengitter von der Dachluke!" Peter klopft mit der Faust gegen die Wohn­mobildecke. Das Possum zeigt sich unbeeindruckt. Erst als Peter mit einem Besenstiel bewaffnet, durch die Luke aufs Dach steigt, verduftet unser nächtlicher Besucher.

Morgens, wir sitzen gerade beim Frühstück, haben wir schon wieder einen Besucher. Einer von Jakes Sprösslingen steht vor der Tür. Sie hätten zwar gestern einen neuen Keilriemen eingebaut, aber die Batterie wäre dummerweise schon wieder leer. Und jetzt müssten sie wegfahren, ob wir nicht ein Starthilfekabel hätten. Haben wir. Aber neuseeländische Regionalparks sind weitläufig. Jakes Bus steht ein ganzes Ende weg und bei uns stehen die vollen Kaffeetassen auf dem Tisch. Wir kippen den Kaffee hinunter, stellen das Geschirr in die Spüle, starten den Motor und kurz darauf tuckert auch Jakes Bus wieder vor sich hin. Er ginge jetzt endgültig eine neue Lichtmaschine kaufen, ruft er uns zu, nachdem er die Familie im Camper verstaut hat.


Mit dem eigenen Wohnmobil nach Neuseeland