Leseprobe aus: "Tausend Tage Wohnmobil -

- in drei Jahren durch Amerika, Australien und Neuseeland"

 

USA

Mit dem eigenen Wohnmobil durch die USA, Wohnmobil in die USA verschiffen

Schroff heben sich die dunklen Zacken der Berge gegen den wolkenlosen Wüstenhimmel ab. Sie wirken abweisend und faszinierend zugleich. Stachelige Chollas und Prickly Pears wachsen an ihren Abhängen, und dazwischen recken mächtige Kandelaberkakteen, die berühmten Saguaros, ihre verzweigten Arme der gleißenden Sonne entgegen. Über einen dieser Abhänge müssten sie jetzt eigentlich geritten kommen, jene Helden der alten Western, die aufrechten Hauptes und edler Gesinnung am Ende der Story stets über das Böse triumphieren und Recht und Gesetz zum Sieg verhelfen. Wir blicken uns um in dieser Wildwestkulisse, blinzeln in die flirrende Hitze, aber von Clint Eastwood, Charles Bronson & Co. ist nichts zu entdecken. Western sind nicht mehr in.
Wir haben Phoenix auf dem Apache Boulevard verlassen, der aufgestaute Canyon Lake liegt hinter uns, und unser Small Motorhome rollt auf dem Apache Trail, einem uralten Indianerpfad, dem in späterer Zeit die Postkutschen folgten, durch eine Wildwestlandschaft wie aus dem Bilderbuch. Hier, am Ende der Teerstraße, liegt zwischen Kakteen und Mesquitesträuchern ein kostenloser Campground, Ziel unserer heutigen Etappe.

Inmitten der stacheligen Vegetation scheint plötzlich doch das alte Hollywood zu erwachen. Wie ein vergessener Statist taucht er plötzlich in der Naturkulisse auf: Unter dem Cowboyhut mit der Adlerfeder quillt wallendes Silberhaar hervor und den größten Teil seines Gesichts bedeckt ein grauer Rauschebart. Ein stil­echtes Cowboyhemd trägt er zu den ausgewaschenen Jeans und die überdimensionale Gürtelschnalle ziert ein grimmiger Adlerkopf.

"Ich lese in der Bibel", begrüßt er uns. Dann erklärt er uns, dass er ein Bum sei, was so etwas ähnliches wie ein Hobo wäre, ein Landstreicher und Vagabund.

"Meine fünfte Frau war auch aus Germany", erzählt er. "Aber jetzt bin ich verwitwet, denn sie ist mit meinem Boot im Golf von Mexico untergegangen. Sie musste sterben, weil sie nicht gottgefällig gelebt hat", berichtet er uns ganz ernst­ haft. "Denn eines Tages hörte ich eine Stimme, die sagte: 'Verkauf dein Boot und geh nach Arizona', aber meine Frau wollte auf Gottes Stimme nicht hören. Jetzt habe ich kein Boot mehr und bin alleine nach Arizona gegangen." Die Story klingt auch nach Hollywood. Ob er wohl dem Willen Gottes ein wenig nachgeholfen hat?

Wir stehen mit unserem Small Motorhome inmitten der großartigen Wüstenlandschaft, und abends sitzen wir vor dem Camper und genießen zu den Klängen von Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 den Sternenhimmel. Es ist schon seltsam, seit wir mit dem Wohnmobil durchs Land der Countries und Hillbillies rollen, sind die Cowboy-Sehnsuchtsschnulzen in der Versenkung verschwunden und unsere alte Vorliebe für Klassisches kommt wieder zum Vorschein.

Plötzlich bewegt sich etwas vor meinen Füßen - vor unserer Campertür sitzt ein Tier. Es ist schwarz, etwas größer als eine Katze, hat einen kleinen schmalen Kopf, einen langen buschigen Schwanz, und über den ganzen Rücken und den Schwanz zieht sich ein weißer Streifen. Als wir es mit der Taschenlampe anleuchten, verzieht es sich langsam - Gott sei Dank! Wenn wir mit dem lieben Tierchen nähere Bekanntschaft gemacht hätten, hätten wir womöglich für einige Zeit zwangsweise in der Wildnis campieren müssen. Wir sind zwar zoologisch nicht stark bewandert, aber dieser nächtliche Besucher ist ein Skunk, ein Stinktier.

Man hatte uns davor gewarnt, nach dem Ende der Teerstraße den Apache Trail weiterzufahren, denn er wäre für Motorhomes nicht geeignet. Aber reizen würde er uns natürlich schon. Unser Hobo ist den Apache Trail schon gefahren. "Ist die Straße wirklich so schlecht?" wollen wir wissen. Er klappt seine Bibel zu, blickt gottergeben zum Himmel und zuckt mit den Schultern: "Was ist schon schlecht? Manchmal ist es ein wenig steil." Alles ist relativ. Wenn sein klappriger alter Truck den Apache Trail überstanden hat, packen wir ihn mit unserem soliden deutschen Gefährt auch.

Die schmale Gravelroad ist eine Straße der Superlative. In steilen Spitzkehren windet sie sich abwärts, führt durch zerklüftete Canyons und über kakteenbestandene Wüstenberge. Die altehrwürdigen Saguaros mit ihren verzweigten Armen an der engen Waschbrettpiste haben schon die Eroberung des Westens miterlebt. Ich komme mir vor, als säße ich um 100 Jahre zurückversetzt in einer Postkutsche.

Mit angehaltenem Atem klammere ich mich mit beiden Händen an Sitz und Haltegriff fest. Ich müsste weitaus kaltblütiger sein, um das Szenario bewundern zu können. Rechts der "Straße" ragen überhängende Felsen in die Fahrbahn, und links geht es ohne Leitplanke in die Tiefe. Im ersten Gang tastet sich Peter abwärts. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei ca. 10 km/h. Wenn uns nur niemand entgegenkommt! Dann sind wir endlich unten!

Hinter der abenteuerlichen Brücke wird die Piste wieder breiter, staubiges Waschbrett zwar, aber harmlos im Vergleich zur zurückliegenden Achterbahnfahrt nach unten. Am Apache Lake, einem Stausee des Salt River, reicht es uns für heute. Wir haben ganze 33 km auf dem Tageskilometerzähler! Aber was ist schon schlecht? Wir möchten die dramatischen Kilometer nicht missen - aber kein zweites Mal mehr fahren.

 

Leseprobe zu Apachepass und Fort Bowie

 

... Arizona, Land der Gegensätze - keine 150 km entfernt, aber ca. 2.500 Höhenmeter tiefer: Adobemauern, von Sonne, Wind und Regen bis auf einige kümmerliche Reste abgetragen und glattgewaschen, leuchten goldbraun in der schrägstehenden Nachmittagssonne. Küchen, Vorratshäuser, Schlafbaracken - nur noch die Umrisse aus Lehmziegeln sind von den Gebäuden des historischen Fort Bowie übriggeblieben. Wo vor 100 Jahren die Blauröcke der US-Kavallerie zum Appell aufmarschierten, sagen sich heute Klapperschlange und Skorpion Gute Nacht. Nur ein mürrischer Ranger versieht hier seinen einsamen Dienst. Von den Touristen, die sich einige Kilometer weiter am Scenic Drive des Chiricahua National Monuments drängeln, verirrt sich kaum jemand hierher. Der Apache Pass ist staubig und ungeteert und das Fort nur per Fußmarsch zu erreichen.

Einst war das Gebiet Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen den Chiricahua-Apachen des Häuptlings Cochise und den Soldaten der US-Army. Eine zuverlässig sprudelnde Quelle, Garant des Überlebens in einer lebensfeindlichen Umgebung, war eine der Ursachen der Zwistigkeiten. Wegen ihres Wassers benutzten Apachen, Postkutsche, Siedler und Goldsucher den Pass. Häuptling Cochise erkannte letztendlich, dass er und sein Volk der weißen Übermacht nicht gewachsen waren, und die Chiricahuas traten den bitteren Weg ins Reservat an. Posthum wurde Cochise darob von den Western der alten Schule mit der Rolle des Weisen und Guten bedacht. Geronimo, der sich nicht ins Unvermeidliche fügen wollte und mit seinen Attacken Siedler und Soldaten noch jahrelang in Atem hielt, galt als der Verräter, der Böse. Die Verbannung ins Reservat ließen Hollywoods Schwarzweißmaler der Einfachheit halber unter den Tisch fallen - das hätte die guten Weißen nur irritiert.

 

Auf dem kleinen Friedhof in der Nähe des alten Forts liegt neben Siedlern und Outlaws auch Little Robe, Geronimos zweijähriger Sohn begraben. Geronimo selbst stand eine leidvolle Odyssee bevor. Armeeführung und Siedler sahen in dem letzten Apachenhäuptling und seinem verbliebenen Häufchen von 24 Kriegern eine derartige Bedrohung, dass man seinetwegen eine gigantische Streitmacht aufstellte, und zwischen Arizona und New Mexico ein kostspieliges System von Spiegeltelegraphen installierte. 5.000 Soldaten (etwa ein Drittel der gesamten Armee), 500 Apachenkundschafter, sowie eine mehrere tausend Mann starke Bürgermiliz, jagten die letzten freilebenden Apachen.

Nachdem sich Geronimo letztendlich der gewaltigen Übermacht ergeben hatte, empfahl der Präsident, ihn zu hängen. Einige Weiße, die wussten, wie übel man ihm und seinem Volk mitgespielt hatte, erreichten jedoch, dass er ”nur” nach Florida deportiert wurde, wohin man in der Zwischenzeit auch viele ”friedliche” Chiricahuas und Angehörige anderer Apachengruppen gebracht hatte. Da die Armee und die weißen Behörden von jeher ein kurzes Gedächtnis hatten, wenn es um Versprechungen und Verträge mit Indianern ging, wurden auch jene eigens für die große Hatz angeheuerten Apachenkundschafter ohne viel Federlesens nach Florida verfrachtet. Im feuchtwarmen, fieberverseuchten Klima starben die Apachen wie die Fliegen. Auch von ihren Kindern, die man ihnen vorsorglich weggenommen und in eine Indianerschule in Pennsylvania gebracht hatte, starben viele.

Hätten sich nicht einige befreundete Weiße für sie eingesetzt, wären sicher sämtliche Apachen in der Verbannung umgekommen. Die meisten durften schließlich, wenn auch gegen den Widerstand des Kriegsministeriums, ins San Carlos Reservat zurückkehren. Nur Geronimo und seinen Chiricahuas wurde die Rückkehr nach Arizona nicht erlaubt. Die Comanchen und Kiowas, von jeher Feinde der Apachen, boten schließlich an, ihr Reservat in Oklahoma mit den Chiricahuas zu teilen. 1894 zog Geronimo mit den wenigen Überlebenden seiner Gruppe nach Fort Sill. Als er dort 1909 als Gefangener starb, wurde er auf dem Apachenfriedhof beerdigt. Es heißt, dass seine Gebeine später wieder ausgegraben und in den Südwesten gebracht wurden - vielleicht in die Mogollons oder in die Chiricahua Mountains, vielleicht aber auch in sein Rückzugsgebiet in der mexikanischen Sierra Madre...

 

Das San Carlos Reservat ist auch heute noch ein Ort erschreckender Trostlosigkeit. Nicht nur die armseligen Ortschaften wirken bedrückend, die ganze Landschaft ist öde und karg. Zusätzlich verstärkt wird dieses abschreckende Bild durch den San Carlos Lake bzw. das, was von dem fast gänzlich ausgetrockneten Stausee übriggeblieben ist. Angler, Bootsbesitzer und Wassersportler geben nun ihr Geld an weiter entfernten Gewässern aus. Doch die Nachfahren von Cochise und Geronimo sind findig. Stauseen mögen austrocknen und Flüsse versiegen - die Geldgier und die Unvernunft des Weißen Mannes sind beständig. Seit sich Amerikas Ureinwohner vor Gericht das Recht erstritten haben, in ihren Reservaten Spielkasinos zu betreiben, ziehen sie den Bleichgesichtern nicht mehr im Kampf den Skalp über die Ohren, sondern am Spieltisch das Geld aus der Tasche.

Nach der Trostlosigkeit des Reservates wirkt die Anlage mit ihren riesigen Parkplätzen fast wie eine Fata Morgana. ”Apache Gold” nennt sich der Gambling Tempel doppelsinnig.

Angekarrt in klimatisierten Bussen, sitzen an endlosen Reihen Einarmiger Banditen weiße Pensionäre zwischen sechzig und scheintot und verzocken die Rente. Spielkasino statt Rheumadecken - Kaffeefahrt auf amerikanisch. Apachen sieht man nur hinter den Spieltischen. Inwieweit die Gewinne aus diesem Spielbetrieb dem ganzen Stamm zugutekommen oder etwa nur in die Taschen einer kleinen Clique fließen, können wir nicht ergründen. Als knauserige Traveller brauchen wir unser Geld ohnehin selbst und so bleibt es unsererseits bei einer neugierigen Besichtigung.

 

 

 

… ”Wann werden Sie nach Neuseeland verschiffen?”

”Wahrscheinlich Ende September. Es kann aber auch sein, dass wir erst auf dem Oktoberschiff einen Platz bekommen.”

”Ich stelle Ihnen am besten ein Visum über sechs Monate aus. Sie bekommen dann keine Schwierigkeiten, wenn sich die Termine verzögern.” Spricht’s und lässt den Stempel in unsere Pässe klacken. Es geht doch nichts über die kleinen Grenzübergänge, wo die Beamten noch freundlich und umgänglich sind und nicht hinter jedem harmlosen Reisenden gleich einen Junkie und Drogendealer wähnen!

Jetzt sind wir also wieder in den USA - Kanada, mit seinen fortschrittlichen Dezimalmaßen, seinen Kilometern, Metern und Zentimetern, seinen Litern und simplen geraden Gewichten haben wir hinter uns gelassen. Hier, wo der Mensch mit Meilen, mit krummen Gallonen und Quarts rechnet, müssen wir uns gleich wieder mit Fuß und Inch herumplagen. Wir wollen nämlich die Going-to-the-Sun Road befahren und die enge, steile Passstraße gilt als eine der schönsten Hochgebirgsstraßen Amerikas.

Allerdings wurde sie bereits anno dunnemals in den Fels geklopft, als der Mensch noch nicht im rollenden Eigenheim durch die Lande zog. Die steilen Spitzkehren und bedrohlichen Felsüberhänge sind den Amerikanern, gewöhnt an breite Highways, lange Steigungen und ebenso lange Gefälle, nicht geheuer, weshalb die Nationalparkverwaltung die Straße kurzerhand für Fahrzeuge über 22 Fuß sperrte.

Also uns betrifft das ja nicht. Unser Small Motorhome ist gerade mal sechs Meter und dreißig lang, was krummen 21 Fuß und ein paar zerquetschten Inches entspricht. Irgendwann haben wir das nämlich mal ganz genau ausgerechnet. Nehmen wir also den Pass unter die Räder! Nach ein paar Meilen kommen wir zwar an einem Häuschen vorbei, wo Fahrzeuge offiziell vermessen werden sollen, sitzt aber keiner drin. Egal, wir wissen ja, wie lang wir sind. Was wir aber nicht wissen, ist, dass es ein amerikanisches Naturgesetz gibt, welches lautet: ”Ein Wohnmobil ist immer länger als 22 Fuß!” Oben auf dem Pass kommt plötzlich eine Rangerin im Sturmschritt und mit gestrenger Miene auf uns zugeeilt. Wer uns denn die Erlaubnis erteilt hätte, die Passstraße zu befahren, will sie wissen. Schließlich wäre die für Fahrzeuge ab 22 Fuß gesperrt!

”Wieso Erlaubnis? Wir wissen doch, wie kurz wir sind! 21 Fuß und ein paar Inches - steht übrigens auch in Metern und Zentimetern in unseren Papieren!”

Papiere? Ein deutscher Beamter hätte sie sofort überprüft und ihnen unerschütterlichen Glauben geschenkt. Nicht so eine amerikanische Rangerin. Sie überprüft keine Papiere, sie misst nach! Mit einem Messrad, dass sie aus ihrem Kofferraum zaubert und damit akribisch von Stoßstange zu Stoßstange unser Wohnmobil abschreitet.

”21 Fuß - ihr seid okay”, sagt sie, und ihre gestrenge Miene hellt sich augenblicklich zu einem freundlichen Lächeln auf. Dass deutsche Wohnmobile sich nicht mit amerikanischen Naturgesetzen decken, bereitet ihr offenbar keine Kopfschmerzen. …

… Wer die Halbwüsten des Südwestens kennt, die Gipsdünen und Badlands New Mexicos, die Mondlandschaften Utahs, der kann sich gar nicht vorstellen, dass sich über das ausgetrocknete Land binnen Minuten Blitzfluten ergießen, dass sich trockene Washs in reißende Ströme verwandeln und die pittoresken Canyons in Sekunden zur tödlichen Falle werden können.

Als wir Nevada durchquert und auf Cedar City zurollen, ballen sich vor uns dunkle Wolken bedrohlich zusammen. Der Wind legt auf Sturmstärke zu und unser Camper wird von unberechenbaren Böen geschüttelt. Es ist September, Spätsommer - Zeit der berüchtigten Nachmittagsgewitter, die in kürzester Zeit Straßen unpassierbar werden lassen, und die uns im letzten Jahr die Fahrt über so manch abgelegene Schotterstraße vermasselt haben. Wir wollten heute noch einen Pass überqueren - knapp 3.000 m hoch - bei diesem Wetter ein Himmelfahrtskommando! Letztes Jahr hatten wir zwei dieser Spätsommergewitter miterlebt, hatten in New Mexico gesehen, wie die Stadt Gallup binnen Minuten unter Wasser stand, und in Page staunend vor den reißenden, lehmigbraunen Wasserfällen gestanden, die sich urplötzlich in den Colorado ergossen.

Wir flüchten vor den Windböen in die Stadt, und kaum, dass wir uns zwischen den schützenden Gebäuden eines Einkaufszentrums versteckt haben, öffnet der Himmel seine Schleusen.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne vom blauen Himmel, als wäre nichts gewesen. Es war auch nicht viel - in Cedar City zumindest. Aber nachdem wir den Pass überquert haben und auf Kanab zurollen, sind die Teerstraßen mit Sand zugeschwemmt. Hier muss das Unwetter weit stärker gewütet haben.

Als wir am Nachmittag zum Lone Rock Campground abbiegen, ist das geteerte Sträßchen unter einer holprigen Buckelpiste aus Sand verschwunden und zu beiden Seiten hat das Unwetter tiefe Canyons ausgewaschen. Unten am See sind überall nasse Schlafsäcke, Handtücher und Kleider über den Autos zum Trocknen aufgehängt. Das sind die Folgen des Unwetters, die wir unmittelbar zu sehen bekommen. Von den Zelten, die der Sturm in den See gewirbelt hat, sehen wir nichts mehr und die Leute mit dem aufklappbaren Zeltcamper sind auch schon abgereist. Ihr Klappcamper stürzte in einer Bö um, als die Mutter und ihre zwei Kinder darin vor dem Unwetter Schutz gesucht hatten. Am schlimmsten ist jedoch, dass in den Canyons, die den See umgeben, wieder zwei Personen durch eine Blitzflut umgekommen sind. Spätsommer - im letzten August starben bei einer ähnlichen Blitzflut elf Touristen auf einer Fototour durch den Antelope Canyon, unweit des Lake Powell.

Trotz des gestrigen Unwetters ist der Strand noch reichlich voll. Die meisten sind ja ohnehin im komfortablen Motorhome unterwegs. Mal sehn, wo wir uns hinstellen.

”Sieh mal, da winkt uns jemand ganz aufgeregt!”

”Mensch, das sind doch Tom und Kathy aus Scottsdale!”

Als wir letztes Jahr am Lake Powell standen, waren sie der Meinung, dass sie uns mit ihrem Motorhome zu nahe auf den Pelz gerückt wären. So quasi als Entschuldigung hatten sie uns zu einer Motorbootfahrt über den See eingeladen. Diesmal sind sie mit der ganzen Großfamilie hier. An diesem Abend sitzen wir samt den erwachsenen Kindern, Freunden, Nichten und Neffen am Lagerfeuer und erzählen von unserer Runde durch Amerika.

”Die Amis sind oberflächlich”, konstatieren fast alle deutschen Reisenden. Von Tom und Kathy kann man das bestimmt nicht sagen. Die Herzlichkeit ist echt. Müssen wirklich erst große Freundschaften fürs Leben geschlossen werden, bevor man ein wenig freundlicher und netter miteinander umgeht und dem Nachbarcamper einen schönen Tag und eine sichere Reise wünscht?

Wir fühlen uns stets wohl zwischen amerikanischen und kanadischen Campern, auch wenn wir uns manchmal ein wenig über ihre Macken amüsieren und uns ihre Generatoren und sonstigen Krachmaschinen mitunter auf den Geist gehen. Aber ganz egal, ob neben uns ein betuchter Pensionär im dicken Luxusmobil campt oder ein Hobo in einer alten Flohkiste - immer fühlen wir uns willkommen.

Aber jetzt sind wir hier, um unser knallrotes Gummiboot einzuweihen. Am nächsten Morgen pumpen wir es auf und stechen in See. Schnell sind wir ja nicht, paddeln noch reichlich uneffizient. Liegt vielleicht daran, dass wir die richtige Sitzposition noch nicht gefunden haben, und das Spurhalten müssen wir auch noch üben. Die motorisierten Amis finden es jedenfalls ungemein erheiternd, wie wir zwischen ihren lärmenden, stinkenden PS-Protzen mühsam paddelnd den Lone Rock umrunden. Sie kichern und lachen und denken höchstwahrscheinlich: ”Die spinnen, die Germans!” ...


Mit dem eigenen Wohnmobil in die USA - Mit dem Wohnmobil am Apachetrail