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USA:

... Schroff heben sich die dunklen Zacken der Berge gegen den wolkenlosen Wüstenhimmel ab. Sie wirken abweisend und faszinierend zugleich. Stachelige Chollas und Prickly Pears wachsen an ihren Abhängen, und dazwischen recken mächtige Kandelaberkakteen, die berühmten Saguaros, ihre verzweigten Arme der gleißenden Sonne entgegen. Über einen dieser Abhänge müssten sie jetzt eigentlich geritten kommen, jene Helden der alten Western, die aufrechten Hauptes und edler Gesinnung am Ende der Story stets über das Böse triumphieren und Recht und Gesetz zum Sieg verhelfen. Wir blicken uns um in dieser Wildwestkulisse, blinzeln in die flirrende Hitze, aber von Clint Eastwood, Charles Bronson & Co. ist nichts zu entdecken. Western sind nicht mehr in. Wir haben Phoenix auf dem Apache Boulevard verlassen, der aufgestaute Canyon Lake liegt hinter uns, und unser Small Motorhome rollt auf dem Apache Trail, einem uralten Indianerpfad, dem in späterer Zeit die Postkutschen folgten, durch eine Wildwestlandschaft wie aus dem Bilderbuch. Hier, am Ende der Teerstraße, liegt zwischen Kakteen und Mesquitesträuchern ein kostenloser Campground, Ziel unserer heutigen Etappe. Inmitten der stacheligen Vegetation scheint plötzlich doch das alte Hollywood zu erwachen. Wie ein vergessener Statist taucht er plötzlich in der Naturkulisse auf: Unter dem Cowboyhut mit der Adlerfeder quillt wallendes Silberhaar hervor und den größten Teil seines Gesichts bedeckt ein grauer Rauschebart. Ein stilechtes Cowboyhemd trägt er zu den ausgewaschenen Jeans und die überdimensionale Gürtelschnalle ziert ein grimmiger Adlerkopf. »Ich lese in der Bibel«, begrüßt er uns. Dann erklärt er uns, dass er ein Bum sei, was so etwas ähnliches wie ein Hobo wäre, ein Landstreicher und Vagabund. »Meine fünfte Frau war auch aus Germany«, erzählt er. »Aber jetzt bin ich verwitwet, denn sie ist mit meinem Boot im Golf von Mexico untergegangen. Sie musste sterben, weil sie nicht gottgefällig gelebt hat«, berichtet er uns ganz ernst haft. »Denn eines Tages hörte ich eine Stimme, die sagte: ›Verkauf dein Boot und geh nach Arizona‹, aber meine Frau wollte auf Gottes Stimme nicht hören. Jetzt habe ich kein Boot mehr und bin alleine nach Arizona gegangen.« Die Story klingt auch nach Hollywood. Ob er wohl dem Willen Gottes ein wenig nachgeholfen hat?

Wir stehen mit unserem Small Motorhome inmitten der großartigen Wüstenlandschaft, und abends sitzen wir vor dem Camper und genießen zu den Klängen von Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 den Sternenhimmel. Es ist schon seltsam, seit wir mit dem Wohnmobil durchs Land der Countries und Hillbillies rollen, sind die Cowboy-Sehnsuchtsschnulzen in der Versenkung verschwunden und unsere alte Vorliebe für Klassisches kommt wieder zum Vorschein. Plötzlich bewegt sich etwas vor meinen Füßen - vor unserer Campertür sitzt ein Tier. Es ist schwarz, etwas größer als eine Katze, hat einen kleinen schmalen Kopf, einen langen buschigen Schwanz, und über den ganzen Rücken und den Schwanz zieht sich ein weißer Streifen. Als wir es mit der Taschenlampe anleuchten, verzieht es sich langsam - Gott sei Dank! Wenn wir mit dem lieben Tierchen nähere Bekanntschaft gemacht hätten, hätten wir womöglich für einige Zeit zwangsweise in der Wildnis campieren müssen. Wir sind zwar zoologisch nicht stark bewandert, aber dieser nächtliche Besucher ist ein Skunk, ein Stinktier. Man hatte uns davor gewarnt, nach dem Ende der Teerstraße den Apache Trail weiterzufahren, denn er wäre für Motorhomes nicht geeignet. Aber reizen würde er uns natürlich schon. Unser Hobo ist den Apache Trail schon gefahren. »Ist die Straße wirklich so schlecht?«, wollen wir wissen. Er klappt seine Bibel zu, blickt gottergeben zum Himmel und zuckt mit den Schultern: »Was ist schon schlecht? Manchmal ist es ein wenig steil.« Alles ist relativ. Wenn sein klappriger alter Truck den Apache Trail überstanden hat, packen wir ihn mit unserem soliden deutschen Gefährt auch.

Die schmale Gravelroad ist eine Straße der Superlative. In steilen Spitzkehren windet sie sich abwärts, führt durch zerklüftete Canyons und über kakteenbestandene Wüstenberge. Die altehrwürdigen Saguaros mit ihren verzweigten Armen an der engen Waschbrettpiste haben schon die Eroberung des Westens miterlebt. Ich komme mir vor, als säße ich um 100 Jahre zurückversetzt in einer Postkutsche. Mit angehaltenem Atem klammere ich mich mit beiden Händen an Sitz und Haltegriff fest. Ich müsste weitaus kaltblütiger sein, um das Szenario bewundern zu können. Rechts der »Straße« ragen überhängende Felsen in die Fahrbahn, und links geht es ohne Leitplanke in die Tiefe. Im ersten Gang tastet sich Peter abwärts. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei ca. 10 km/h. Wenn uns nur niemand entgegenkommt! Dann sind wir endlich unten! Hinter der abenteuerlichen Brücke wird die Piste wieder breiter, staubiges Waschbrett zwar, aber harmlos im Vergleich zur zurückliegenden Achterbahnfahrt nach unten. Am Apache Lake, einem Stausee des Salt River, reicht es uns für heute. Wir haben ganze 33 km auf dem Tageskilometerzähler! Aber was ist schon schlecht? Wir möchten die dramatischen Kilometer nicht missen - aber kein zweites Mal mehr fahren.

 

Leseprobe zu Apachepass und Fort Bowie

... Arizona, Land der Gegensätze - keine 150 km entfernt, aber ca. 2.500 Höhenmeter tiefer: Adobemauern, von Sonne, Wind und Regen bis auf einige kümmerliche Reste abgetragen und glattgewaschen, leuchten goldbraun in der schrägstehenden Nachmittagssonne. Küchen, Vorratshäuser, Schlafbaracken - nur noch die Umrisse aus Lehmziegeln sind von den Gebäuden des historischen Fort Bowie übrig geblieben. Wo vor 100 Jahren die Blauröcke der US-Kavallerie zum Appell aufmarschierten, sagen sich heute Klapperschlange und Skorpion Gute Nacht. Nur ein mürrischer Ranger versieht hier seinen einsamen Dienst. Von den Touristen, die sich einige Kilometer weiter am Scenic Drive des Chiricahua National Monuments drängeln, verirrt sich kaum jemand hierher. Der Apache Pass ist staubig und ungeteert und das Fort nur per Fußmarsch zu erreichen. Einst war das Gebiet Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen den Chiricahua-Apachen des Häuptlings Cochise und den Soldaten der US-Army. Eine zuverlässig sprudelnde Quelle, Garant des Überlebens in einer lebensfeindlichen Umgebung, war eine der Ursachen der Zwistigkeiten. Wegen ihres Wassers benutzten Apachen, Postkutsche, Siedler und Goldsucher den Pass. Häuptling Cochise erkannte letztendlich, dass er und sein Volk der weißen Übermacht nicht gewachsen waren, und die Chiricahuas traten den bitteren Weg ins Reservat an. Posthum wurde Cochise darob von den Western der alten Schule mit der Rolle des Weisen und Guten bedacht. Geronimo, der sich nicht ins Unvermeidliche fügen wollte und mit seinen Attacken Siedler und Soldaten noch jahrelang in Atem hielt, galt als der Verräter, der Böse. Die Verbannung ins Reservat ließen Hollywoods Schwarzweißmaler der Einfachheit halber unter den Tisch fallen - das hätte die guten Weißen nur irritiert. Auf dem kleinen Friedhof in der Nähe des alten Forts liegt neben Siedlern und Outlaws auch Little Robe, Geronimos zweijähriger Sohn begraben. Geronimo selbst stand eine leidvolle Odyssee bevor. Armeeführung und Siedler sahen in dem letzten Apachenhäuptling und seinem verbliebenen Häufchen von 24 Kriegern eine derartige Bedrohung, dass man seinetwegen eine gigantische Streitmacht aufstellte, und zwischen Arizona und New Mexico ein kostspieliges System von Spiegeltelegraphen installierte. 5.000 Soldaten (etwa ein Drittel der gesamten Armee), 500 Apachenkundschafter, sowie eine mehrere tausend Mann starke Bürgermiliz, jagten die letzten frei lebenden Apachen. Nachdem sich Geronimo letztendlich der gewaltigen Übermacht ergeben hatte, empfahl der Präsident, ihn zu hängen. Einige Weiße, die wussten, wie übel man ihm und seinem Volk mitgespielt hatte, erreichten jedoch, dass er "nur" nach Florida deportiert wurde, wohin man in der Zwischenzeit auch viele "friedliche" Chiricahuas und Angehörige anderer Apachengruppen gebracht hatte. Da die Armee und die weißen Behörden von jeher ein kurzes Gedächtnis hatten, wenn es um Versprechungen und Verträge mit Indianern ging, wurden auch jene eigens für die große Hatz angeheuerten Apachenkundschafter ohne viel Federlesens nach Florida verfrachtet. Im feuchtwarmen, fieberverseuchten Klima starben die Apachen wie die Fliegen. Auch von ihren Kindern, die man ihnen vorsorglich weggenommen und in eine Indianerschule in Pennsylvania gebracht hatte, starben viele.

Hätten sich nicht einige befreundete Weiße für sie eingesetzt, wären sicher sämtliche Apachen in der Verbannung umgekommen. Die meisten durften schließlich, wenn auch gegen den Widerstand des Kriegsministeriums, ins San Carlos Reservat zurückkehren. Nur Geronimo und seinen Chiricahuas wurde die Rückkehr nach Arizona nicht erlaubt. Die Comanchen und Kiowas, von jeher Feinde der Apachen, boten schließlich an, ihr Reservat in Oklahoma mit den Chiricahuas zu teilen. 1894 zog Geronimo mit den wenigen Überlebenden seiner Gruppe nach Fort Sill. Als er dort 1909 als Gefangener starb, wurde er auf dem Apachenfriedhof beerdigt. Es heißt, dass seine Gebeine später wieder ausgegraben und in den Südwesten gebracht wurden - vielleicht in die Mogollons oder in die Chiricahua Mountains, vielleicht aber auch in sein Rückzugsgebiet in der mexikanischen Sierra Madre ...

Das San Carlos Reservat ist auch heute noch ein Ort erschreckender Trostlosigkeit. Nicht nur die armseligen Ortschaften wirken bedrückend, die ganze Landschaft ist öde und karg. Zusätzlich verstärkt wird dieses abschreckende Bild durch den San Carlos Lake bzw. das, was von dem fast gänzlich ausgetrockneten Stausee übrig geblieben ist. Angler, Bootsbesitzer und Wassersportler geben nun ihr Geld an weiter entfernten Gewässern aus. Doch die Nachfahren von Cochise und Geronimo sind findig. Stauseen mögen austrocknen und Flüsse versiegen - die Geldgier und die Unvernunft des Weißen Mannes sind beständig. Seit sich Amerikas Ureinwohner vor Gericht das Recht erstritten haben, in ihren Reservaten Spielkasinos zu betreiben, ziehen sie den Bleichgesichtern nicht mehr im Kampf den Skalp über die Ohren, sondern am Spieltisch das Geld aus der Tasche. Nach der Trostlosigkeit des Reservates wirkt die Anlage mit ihren riesigen Parkplätzen fast wie eine Fata Morgana. "Apache Gold" nennt sich der Gambling Tempel doppelsinnig. Angekarrt in klimatisierten Bussen, sitzen an endlosen Reihen Einarmiger Banditen weiße Pensionäre zwischen sechzig und scheintot und verzocken die Rente. Spielkasino statt Rheumadecken - Kaffeefahrt auf amerikanisch. Apachen sieht man nur hinter den Spieltischen. Inwieweit die Gewinne aus diesem Spielbetrieb dem ganzen Stamm zugutekommen oder etwa nur in die Taschen einer kleinen Clique fließen, können wir nicht ergründen. Als knauserige Traveller brauchen wir unser Geld ohnehin selbst und so bleibt es unsererseits bei einer neugierigen Besichtigung.

 

… "Wann werden Sie nach Neuseeland verschiffen?"

"Wahrscheinlich Ende September. Es kann aber auch sein, dass wir erst auf dem Oktoberschiff einen Platz bekommen."

"Ich stelle Ihnen am besten ein Visum über sechs Monate aus. Sie bekommen dann keine Schwierigkeiten, wenn sich die Termine verzögern." Spricht’s und lässt den Stempel in unsere Pässe klacken. Es geht doch nichts über die kleinen Grenzübergänge, wo die Beamten noch freundlich und umgänglich sind und nicht hinter jedem harmlosen Reisenden gleich einen Junkie und Drogendealer wähnen!

Jetzt sind wir also wieder in den USA - Kanada, mit seinen fortschrittlichen Dezimalmaßen, seinen Kilometern, Metern und Zentimetern, seinen Litern und simplen geraden Gewichten haben wir hinter uns gelassen. Hier, wo der Mensch mit Meilen, mit krummen Gallonen und Quarts rechnet, müssen wir uns gleich wieder mit Fuß und Inch herumplagen. Wir wollen nämlich die Going-to-the-Sun Road befahren und die enge, steile Passstraße gilt als eine der schönsten Hochgebirgsstraßen Amerikas. Allerdings wurde sie bereits anno dunnemals in den Fels geklopft, als der Mensch noch nicht im rollenden Eigenheim durch die Lande zog. Die steilen Spitzkehren und bedrohlichen Felsüberhänge sind den Amerikanern, gewöhnt an breite Highways, lange Steigungen und ebenso lange Gefälle, nicht geheuer, weshalb die Nationalparkverwaltung die Straße kurzerhand für Fahrzeuge über 22 Fuß sperrte. Also uns betrifft das ja nicht. Unser Small Motorhome ist gerade mal sechs Meter und dreißig lang, was krummen 21 Fuß und ein paar zerquetschten Inches entspricht. Irgendwann haben wir das nämlich mal ganz genau ausgerechnet. Nehmen wir also den Pass unter die Räder! Nach ein paar Meilen kommen wir zwar an einem Häuschen vorbei, wo Fahrzeuge offiziell vermessen werden sollen, sitzt aber keiner drin. Egal, wir wissen ja, wie lang wir sind. Was wir aber nicht wissen, ist, dass es ein amerikanisches Naturgesetz gibt, welches lautet: "Ein Wohnmobil ist immer länger als 22 Fuß!" Oben auf dem Pass kommt plötzlich eine Rangerin im Sturmschritt und mit gestrenger Miene auf uns zugeeilt. Wer uns denn die Erlaubnis erteilt hätte, die Passstraße zu befahren, will sie wissen. Schließlich wäre die für Fahrzeuge ab 22 Fuß gesperrt! "Wieso Erlaubnis? Wir wissen doch, wie kurz wir sind! 21 Fuß und ein paar Inches - steht übrigens auch in Metern und Zentimetern in unseren Papieren!"

Papiere? Ein deutscher Beamter hätte sie sofort überprüft und ihnen unerschütterlichen Glauben geschenkt. Nicht so eine amerikanische Rangerin. Sie überprüft keine Papiere, sie misst nach! Mit einem Messrad, dass sie aus ihrem Kofferraum zaubert und damit akribisch von Stoßstange zu Stoßstange unser Wohnmobil abschreitet. "21 Fuß - ihr seid okay", sagt sie, und ihre gestrenge Miene hellt sich augenblicklich zu einem freundlichen Lächeln auf. Dass deutsche Wohnmobile sich nicht mit amerikanischen Naturgesetzen decken, bereitet ihr offenbar keine Kopfschmerzen. …

… Wer die Halbwüsten des Südwestens kennt, die Gipsdünen und Badlands New Mexicos, die Mondlandschaften Utahs, der kann sich gar nicht vorstellen, dass sich über das ausgetrocknete Land binnen Minuten Blitzfluten ergießen, dass sich trockene Washs in reißende Ströme verwandeln und die pittoresken Canyons in Sekunden zur tödlichen Falle werden können. Als wir Nevada durchquert und auf Cedar City zurollen, ballen sich vor uns dunkle Wolken bedrohlich zusammen. Der Wind legt auf Sturmstärke zu und unser Camper wird von unberechenbaren Böen geschüttelt. Es ist September, Spätsommer - Zeit der berüchtigten Nachmittagsgewitter, die in kürzester Zeit Straßen unpassierbar werden lassen, und die uns im letzten Jahr die Fahrt über so manch abgelegene Schotterstraße vermasselt haben. Wir wollten heute noch einen Pass überqueren - knapp 3.000 m hoch - bei diesem Wetter ein Himmelfahrtskommando! Letztes Jahr hatten wir zwei dieser Spätsommergewitter miterlebt, hatten in New Mexico gesehen, wie die Stadt Gallup binnen Minuten unter Wasser stand, und in Page staunend vor den reißenden, lehmigbraunen Wasserfällen gestanden, die sich urplötzlich in den Colorado ergossen. Wir flüchten vor den Windböen in die Stadt, und kaum, dass wir uns zwischen den schützenden Gebäuden eines Einkaufszentrums versteckt haben, öffnet der Himmel seine Schleusen.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne vom blauen Himmel, als wäre nichts gewesen. Es war auch nicht viel - in Cedar City zumindest. Aber nachdem wir den Pass überquert haben und auf Kanab zurollen, sind die Teerstraßen mit Sand zugeschwemmt. Hier muss das Unwetter weit stärker gewütet haben. Als wir am Nachmittag zum Lone Rock Campground abbiegen, ist das geteerte Sträßchen unter einer holprigen Buckelpiste aus Sand verschwunden und zu beiden Seiten hat das Unwetter tiefe Canyons ausgewaschen. Unten am See sind überall nasse Schlafsäcke, Handtücher und Kleider über den Autos zum Trocknen aufgehängt. Das sind die Folgen des Unwetters, die wir unmittelbar zu sehen bekommen. Von den Zelten, die der Sturm in den See gewirbelt hat, sehen wir nichts mehr und die Leute mit dem aufklappbaren Zeltcamper sind auch schon abgereist. Ihr Klappcamper stürzte in einer Bö um, als die Mutter und ihre zwei Kinder darin vor dem Unwetter Schutz gesucht hatten. Am schlimmsten ist jedoch, dass in den Canyons, die den See umgeben, wieder zwei Personen durch eine Blitzflut umgekommen sind. Spätsommer - im letzten August starben bei einer ähnlichen Blitzflut elf Touristen auf einer Fototour durch den Antelope Canyon, unweit des Lake Powell.

Trotz des gestrigen Unwetters ist der Strand noch reichlich voll. Die meisten sind ja ohnehin im komfortablen Motorhome unterwegs. Mal sehn, wo wir uns hinstellen.

"Sieh mal, da winkt uns jemand ganz aufgeregt!"

"Mensch, das sind doch Tom und Kathy aus Scottsdale!" Als wir letztes Jahr am Lake Powell standen, waren sie der Meinung, dass sie uns mit ihrem Motorhome zu nahe auf den Pelz gerückt wären. So quasi als Entschuldigung hatten sie uns zu einer Motorbootfahrt über den See eingeladen. Diesmal sind sie mit der ganzen Großfamilie hier. An diesem Abend sitzen wir samt den erwachsenen Kindern, Freunden, Nichten und Neffen am Lagerfeuer und erzählen von unserer Runde durch Amerika. "Die Amis sind oberflächlich", konstatieren fast alle deutschen Reisenden. Von Tom und Kathy kann man das bestimmt nicht sagen. Die Herzlichkeit ist echt. Müssen wirklich erst große Freundschaften fürs Leben geschlossen werden, bevor man ein wenig freundlicher und netter miteinander umgeht und dem Nachbarcamper einen schönen Tag und eine sichere Reise wünscht? Wir fühlen uns stets wohl zwischen amerikanischen und kanadischen Campern, auch wenn wir uns manchmal ein wenig über ihre Macken amüsieren und uns ihre Generatoren und sonstigen Krachmaschinen mitunter auf den Geist gehen. Aber ganz egal, ob neben uns ein betuchter Pensionär im dicken Luxusmobil campt oder ein Hobo in einer alten Flohkiste - immer fühlen wir uns willkommen. Aber jetzt sind wir hier, um unser knallrotes Gummiboot einzuweihen. Am nächsten Morgen pumpen wir es auf und stechen in See. Schnell sind wir ja nicht, paddeln noch reichlich ineffizient. Liegt vielleicht daran, dass wir die richtige Sitzposition noch nicht gefunden haben, und das Spurhalten müssen wir auch noch üben. Die motorisierten Amis finden es jedenfalls ungemein erheiternd, wie wir zwischen ihren lärmenden, stinkenden PS-Protzen mühsam paddelnd den Lone Rock umrunden. Sie kichern und lachen und denken höchstwahrscheinlich: "Die spinnen, die Germans!" ...

 

Kanada:

Kanada - wo beginnt eigentlich Kanada? Gleich nach der Grenze? Politisch auf jeden Fall. Aber war das schon das richtige Kanada, als wir in Tsawassen auf die Fähre rollten und durch ein spektakuläres Gewirr von bewaldeten Inseln nach Vancouver Island übersetzten? Das reizvoll englische Victoria - war das wirklich Kanada? Eigentlich schon, es ist ja schließlich die Hauptstadt von Britisch Kolumbien. Oder waren doch erst die Regenwälder, die Wasserfälle, die reizvollen Provinzpark-Campingplätze, an der Strait of Georgia gelegen, echtes Kanada? Als wir später mit unserem Rundfahrticket auf die andere Seite der Strait wechselten, auf die vom Festland aus unzugänglichen Halbinseln, da dachte ich: »Erst das ist das echte Kanada!« Vancouver? Na gut, auch Kanada braucht Großstädte. Aber Kanada steigert sich, je weiter man »hineinfährt«. Das richtige Kanada beginnt wohl doch erst hinter Kamloops, am Kariboo Highway wahrscheinlich, oder am Dugan Lake, jenem kleinen See, an dem Motorboote verboten sind, weshalb die Kanadier mit leisen Elektrobooten zum Angeln fahren. War das nicht schon das absolute Kanadagefühl, als der urige Kanadier russischer Abstammung im Nieselregen mit der Kettensäge loszog um Holz fürs abendliche Lagerfeuer zu beschaffen? Jetzt weiß ich es besser. Das »wahre« Kanada, das von dem wir später mit schwärmerischen Worten immer wieder erzählen werden, beginnt erst ein gutes Stück hinter Prince George. Es beginnt am Cassiar Highway, wo plötzlich kein Verkehr mehr ist und nur noch ab und zu ein einzelner Pickup-Camper über den aufgebrochenen Asphalt rumpelt, wo es keine Ortschaften mehr gibt, sondern nur noch vereinzelte Servicestationen. Wo plötzlich Schwarzbären am Straßenrand auftauchen, und ich aufgeregt nach der Kamera angele, durchs Autofenster ziele - und meist doch nur das Hinterteil von Meister Petz erwische. Wo plötzlich ein Elch knapp vor der Stoßstange über die Straße rennt, und ich schon wieder zu langsam mit dem Foto bin. Das »echte« Kanada beginnt da, wo der Staub und der Dreck der Schotterstraße eine innige Verbindung mit unserem Wohnmobil eingegangen sind. »North to Alaska!« hat Peter mit dem Finger in die Schmutzschicht am Heck geschrieben. »North to Alaska« - das ist inzwischen zum Ritual geworden. Jeden Morgen, wenn wir den Camper starten, schiebt Peter die Kassette in den Recorder, und wir singen aus voller Kehle mit. Sicher, der Highway selbst ist keine reine Freude - staubiger Schotter, aufgerissener Asphalt, Waschbrettbuckel, nur ab und zu mal Teer - aber was ist das schon angesichts einer überwältigenden Landschaft, einer Fahrt durch einsame Wildnis. Was ist schon eine Dreckschicht auf dem Auto, wenn dich am Abend die schönsten Campingstellen erwarten! So wie gestern, der kleine See mit dem seltsamen Namen »Co-op Lake", der plötzlich am Ende eines Waldweges vor uns lag. Dichter Wald umgab ihn, gelbe Wasserlilien blühten auf seiner Oberfläche, wir standen mit unserem Camper mutterseelenallein am Ufer - und kämpften einen aussichtslosen Kampf gegen eine Übermacht blutrünstiger Quälgeister.

Okay – die Moskitos gehören auch zu Kanada. In Truppenstärke stürzen sich die Biester surrend auf jedes warmblütige Wesen, piesacken bevorzugt wehrlose Touristen, und nicht mal kräftiger Jeansstoff schützt vor dem Stich ihrer gierigen Saugrüssel. Nachts schmieren wir uns Autan ins Gesicht und liegen mit der Fliegenpatsche bewaffnet im Bett. Die Blutsauger schmuggeln sich hinterlistig in den Falten eines Pullovers ins Wohnmobil, überwinden mühelos den Rollmechanismus der Fliegengitter, schwirren augenblicklich durch jede, auch nur spaltbreit geöffnete Tür. Das ist das echte Kanada, genauso haben wir es uns immer vorgestellt. Die Schilderung nervtötender Moskitoangriffe fehlt in keinem noch so schwärmerischen, Bericht.

 

Alaska:

… Dabei vermisst er eine Flimmerkiste im Grunde gar nicht. Er liest sich durch Bücher am laufenden Meter, kämpft ab und an gegen den Schachcomputer und unser Informationshunger wird von der Deutschen Welle gestillt. Eigentlich wäre er ja auch rundum zufrieden, gäbe es da nicht ein Ereignis, bei dem er selbst im fernen Alaska live dabei sein möchte. Eine geraume Zeit lang tigerte er deswegen in Oregon und Washington von Wal-Mart zu K-Mart und dann wieder zu Radio Shack und überlegte ernsthaft, sich ein kleines amerikanisches Fernsehgerät zu kaufen. Bis er erfuhr, dass die Fußballweltmeisterschaft nur über Satellit gesendet wird, er also eine "Schüssel" bräuchte und einen längeren Vertrag abschließen müsste. Schließlich musste er sich damit zufrieden geben, die Ergebnisse hinterher im Radio zu erfahren. Aber kann ein echter Sportfan seelenruhig durch die Wildnis gondeln, wenn das Spiel Deutschland gegen Kroatien live im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wird? Peter kann es nicht. Aber selbst wenn Fußballweltmeisterschaft ist - irgendwo müssen wir campen - auch in Anchorage. "In Anchorage stellt ihr euch einfach zum Wal-Mart an der Dimond Mall", haben uns Uwe und Giggi empfohlen, und nachdem wir unseren Scheck bei der Bank of America abgegeben haben, kutschieren wir auf dem Seward Highway stadtauswärts. "Bevor wir uns am Wal-Mart häuslich einrichten, will ich aber noch schnell in den Supermarkt", sage ich zu Peter, als er vom Highway abbiegt. "In den Supermarkt? Um Himmels Willen, nein! Das kannst du morgen auch noch machen. Wir kriegen ja sonst keinen Platz mehr."

Alle Wetter, ist das ein Kaufhausparkplatz? Der halbe Platz ist ja bereits vollgeparkt mit Wohnmobilen und Wohnwagen. Die "wilden" Camper haben die Wohnwagenstützen heruntergekurbelt, die seitlichen "Balkons" ausgefahren und sitzen auf Campingstühlen vor dem Mobil in gemütlicher Runde. Quer durch ganz USA treffen sich vor dem Wal-Mart ja immer ein paar Wohnmobile zum Übernachten, und wenn wir in einer Stadt sind und nichts Besseres finden, stellen wir uns kurzerhand dazu, aber der Wal-Mart-Parkplatz in Anchorage gleicht eher einem überfüllten Campground als einem Kaufhausparkplatz. Da sind selbst wir sprachlos. "Wal-Mart liegt mit den örtlichen RV-Parks im Dauerclinch", hatte uns heute Morgen beim Tanken eine ehemalige Bambergerin erzählt, die ihrem amerikanischen Ehemann nach Alaska gefolgt war. "Die möchten nämlich, dass die Firmenleitung das Übernachten auf dem Kaufhausgelände verbietet. Aber die Wal-Mart-Leute sagen: ‘Warum sollen wir die Camper vertreiben? Die kaufen bei uns ein!" Und fix und clever erweiterten sie ihr übliches Sortiment um Unmengen an typischen Alaska-Souvenirs. Sehr zum Ärger der Andenkenläden in der Stadt - denn die T-Shirts, Pullover und Eskimomesser sind im "Camping-Kaufhaus" deutlich billiger ...

... Ans Einkaufen denkt Peter heute nicht, er grübelt noch immer über das Problem nach, wo er wohl morgen fernsehen könnte. Erst am nächsten Morgen kommt ihm die zündende Idee: Warum nicht gleich zu Wal-Mart in die Fernsehabteilung gehen? Bestimmt kann ihm ein Verkäufer einen der vielen Fernseher auf das gewünschte Programm schalten und gleich darauf marschiert er guten Mutes los. In Amerika ist der Kunde König und deshalb würde man ihm bei Wal-Mart wirklich sehr gerne helfen - nur leider haben sie hier kein Kabelfernsehen, weshalb nur die örtlichen Sender über den Bildschirm flimmern. Aber drüben, auf der anderen Seite des Highways, bei K-Mart, da haben sie Kabel - und wenn man in Amerika einem Kunden nicht weiterhelfen kann, schickt man ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, zur Konkurrenz. Wenn’s sein muss mit einem handgezeichneten Lageplan, damit König Kunde sein Ziel nicht verfehlt. Drüben bei K-Mart, wo sich selbstredend auch ein gutes Dutzend Camper eingenistet hat, flimmert natürlich etwas anderes über die Bildschirme. An German Soccer ist in Alaska niemand interessiert und der Verkäufer muss erst den Manager holen, und der ruft dann seinerseits den Techniker, weil nämlich sämtliche Apparate zusammengeschaltet sind und erst eine größere Umstellaktion vonnöten ist. Aber kurz darauf flimmert für König Peter über sämtliche 41 Fernsehapparate das ersehnte Fußballspiel. Letztendlich hat aber der Aufwand mit den 41 Fernsehern doch nichts genützt - Deutschland hat trotzdem verloren …

... Also gut, das mit dem Fußball ist jetzt vorbei. Wenden wir uns wieder den praktischen Dingen des Lebens zu. Dem Einkaufen zum Beispiel. Wir haben es ja nicht weit. Schließlich kaufen auch wir immer bei Wal-Mart ein, wenn wir vor seinen Toren campen. Mal Motoröl, mal Campingartikel, mal Kaffee, was man eben so braucht auf Reisen. Heute liegen zwei Fleecepullover in unserem Einkaufswagen, aber bevor wir zur Kasse schieben, macht Peter wie üblich einen Umweg zur Sportabteilung, genauer gesagt, zu den Angeln. In langen Reihen gibt es hier alles, was das Herz des Petrijüngers begehrt: Vom High-Tech-Gerät für den Profi bis zur kleinen, billigen Kinderangel für den Nachwuchs. Sobald nämlich kleine Amerikaner und Kanadier alt genug sind, dass sie sich einigermaßen sicher auf ihren zwei Beinen bewegen können (wie wir später festgestellt haben, gilt das auch für kleine Neuseeländer und Australier), bekommen sie eine Angel in die Hand gedrückt und werden von Vater oder Großvater in die Kunst des Fischens eingeweiht. Fangbeschränkungen und Ähnliches sind jeweils am örtlichen Gewässer angeschlagen und mehr als eine Lizenzgebühr für den jeweiligen Staat wird nicht verlangt. Fischen ist die Freizeitbeschäftigung schlechthin. Peter wandert ratlos vor den langen Dingern auf und ab, besieht sich das Zubehör, die tausenderlei Haken und Blinker und was man sonst noch braucht, um einen Fisch aus seinem Element zu holen. "Wenn ich etwas mehr Ahnung von der ganzen Sache hätte, würde ich mir vielleicht doch eine Angel kaufen."

"Warum nicht, du weißt doch, wie leidenschaftlich gerne ich Fisch esse."

Peter begutachtet ein Sonderangebot: "20 $ das komplette Set - da kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Das Problem ist nur, falls ich im Falle eines Falles wirklich etwas fange: Wer nimmt den Fisch vom Haken? Wer tötet ihn? Und wer nimmt ihn aus?" Das sind die Fragen, die schon seit Monaten ungeklärt in der Luft schweben, und weil wir sie auch heute nicht beantworten können, rollen wir am nächsten Morgen ohne Angel mitten hinein ins Eldorado der Petrijünger ...

... Die Invasoren, die in ihren mobilen Luxushäusern über den Alaska Highway gerollt kamen, haben nur ein Ziel vor Augen: Lachse fischen! So viele wie möglich! Am liebsten den edlen King Salmon. Das allerdings kollidiert mit den Interessen des Alaskalachses, dessen Ziel darin besteht, am Ende seines Lebens für eine neue Lachsgeneration zu sorgen, was gar nicht so leicht ist, denn der Lachs lebt ein gefährliches Leben. Nachdem er irgendwo in einem eisigen Flüsschen in Alaska aus dem Ei geschlüpft ist, sind die meisten seiner Brüder und Schwestern nämlich schon irgendwelchen Räubern zum Opfer gefallen. Den kleinen Lachs zieht es nun flussabwärts zum Meer, wo er ein paar Jahre lang frisst, wächst und gedeiht. Wenn er allerdings Pech hat, landet er zusammen mit seinen Artgenossen zuerst in einem großen Netz und später in einer Supermarktkühltruhe. Hat er aber Glück und überlebt, dann zieht es ihn nach etwa drei Jahren unwiderstehlich zurück an die Stätte bzw. den Fluss seiner Geburt zum Laichen. Das Wunder der Evolution hat den Lachs so stark und geschickt werden lassen, dass er flussaufwärts stärkste Strömungen, Stromschnellen und Katarakte überwinden kann. Aber an den kleinen Wasserfällen lauern hungrige Grizzlies auf die Lachse. Hat der Lachs Pech, wird er in den Eingeweiden eines Bären zu Winterspeck verarbeitet. Hat er die Gefahr überstanden und ist an den Grizzlyklauen vorbeigesprungen, zieht er weiter flussaufwärts. Plötzlich stößt er auf ein Hindernis, für das die Evolution keine Lösung parat hat: eine undurchdringliche Mauer aus grünen Stiefeln versperrt ihm den Weg. Und in den grünen Stiefeln, die in wasserdichten Hosen münden, stecken Menschen. Neben zwei Beinen haben sie auch noch zwei Hände - in der einen halten sie eine Angel und in der anderen einen Käscher. Und irgendwann hängt der arme Lachs, der so viele Gefahren überstanden hat, an einer Angel. Er beendet sein Leben, ohne dass es ihm gelungen wäre, sich zu vermehren. Und wenn er nicht noch am selben Abend auf dem Grill landet, wird er ausgenommen, filetiert, in Plastik verpackt und rollt eingefroren in geräumigen RV-Tiefkühlfächern am Ende des Sommers zurück nach Süden.

Als wir langsam am türkisfarbenen Russian River entlangrollen, haben wir zuerst nur Augen für die Landschaft. Die Lachse, die noch ungehindert flussaufwärts schwimmen, können wir nicht sehen. Wir wundern uns nur, warum die Straße zu beiden Seiten zugeparkt ist, und warum an den kleinen Forest Campgrounds große Schilder mit der Aufschrift stehen: Campground full. Und dann sind sie auch noch auf wenige Tage limitiert. Was ist hier los? Plötzlich begegnen wir einem Wesen, das in einem unförmigen Gebilde steckt, einem Zwischending aus Hose und Stiefeln, das ihm bis unter die Achseln reicht. Es schleppt in seinen Händen Angelruten und Käscher, Eimer und Utensilienkästen, und stapft schweren Schrittes zum Flussufer. Und dann erblicken wir die "Mauer" aus grünen Anglerhosen, aus vorschnellenden Angelruten und glänzenden Nylonleinen. Nein, hier kommt kein Lachs mehr durch. "Also wenn ich mich hier mit der Zwanzigdollarangel ans Ufer gestellt hätte ...", brummelt Peter, "hätte ich für allgemeine Heiterkeit gesorgt." Aber ich höre schon gar nicht mehr richtig, was er sagt, denn ich sprinte zum Wohnmobil zurück und hole die Kamera. Wenn die Wathosenträger mit ihrem Fang aus dem Wasser stapfen, werden sie von einer Beamtin der Fischereibehörde ins Visier genommen. Die Spezies Lachs wäre nämlich längst ausgestorben, wenn die Lachs-Fans nicht über kurz oder lang im eisigen Wasser kalte Füße bekämen, und die Fischereibehörde der Evolution nicht mit Aufzuchtanstalten und strengen Regeln auf die Sprünge helfen würde. Ohne Tageslizenz darf niemand seine Angel ins Wasser hängen, der Haken darf eine bestimmte Größe nicht überschreiten und mehr als drei Lachse dürfen pro Tag und Nase nicht gefangen werden ...

 

Baja California:

Sie ist verdammt schmal, die Mex 1, und im Grunde besteht sie nur noch aus Schlaglöchern, die gut und gerne 30 cm tief sind. An ihren ausgefransten Seitenrändern geht es oftmals einen Meter in die Tiefe. Selbst bei drastisch reduzierter Geschwindigkeit und ohne Gegenverkehr schafft es Peter nicht, allen Schlaglöchern auszuweichen. Ab und zu wird die löchrige Teerdecke großflächig ausgebessert, wozu der Verkehr kurzerhand über den nächsten Acker umgeleitet wird, aber meist müht sich nur ein versprengtes Häuflein Arbeiter damit ab, die schlimmsten Löcher in wahrer Sisyphusarbeit von Hand zuzuschmieren. Seit wir Ensenada hinter uns gelassen haben, ist der Straßenzustand außerordentlich kritisch.

»Geh mal vom Gas, da vorne ist irgendetwas los.«

»Wahrscheinlich Schlaglochflicker« Peter lässt das Auto ausrollen. »Nein Militär, die halten alle Wohnmobile an!« Bewaffnete junge Männer in Uniform kommen auf uns zu. Sie signalisieren uns, ebenfalls anzuhalten. Aha, das ist also eine dieser lästigen Militärkontrollen, von denen uns allenthalben berichtet wurde.

»Haben sie Drogen oder Waffen?«, fragt uns einer der Uniformierten mit wichtiger Miene.

»Nein, natürlich nicht!« Das kann ja jeder behaupten! »Kontrolle!«, gebietet er, und ein zweiter Uniformierter kommt mit schweren Militärstiefeln in unser Wohnmobil getrampelt. Mit seinen schmutzigen Fingern beginnt er an unseren Schranktüren zu zerren. Er kennt ja nur amerikanische Wohnmobile, die haben keine Schnappverschlüsse. Erschrocken demonstriere ich, wie sich unsere Klappen öffnen lassen. Pflicht bewusst wirft er einen Blick auf Töpfe und Tassen, T-Shirts und Jeans. »Eh, muchos libros!«, staunt er beim Anblick unserer Reisebibliothek und blättert neugierig im Mexikoreiseführer. Dann fällt ihm wieder ein, warum er hier ist. »Und was ist mit den Waffen? Haben sie keine Pistolas?«

»Nein, nein, wir sind aus Alemania, wir haben keine Pistolas, wir haben nur Bücher.« »Aaah, Alemania!«, sein Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. »Fußball - Beckenbauer - sehr gut! Aber bei der Weltmeisterschaft werden wir euch besiegen!« Damit ist die Kontrolle beendet, und wir werden weitergewinkt. Im Amimobil vor uns wird noch eifrig gesucht und debattiert. Im Weiterfahren entdecke ich einen weiteren Uniformierten. Er hält eine lange Leine in der Hand, die quer über die Fahrbahn läuft. Am anderen Ende der Leine ist, primitiv aber äußerst wirksam, ein langes Nagelbrett befestigt! Gas geben und einfach durchfahren ist also bei solchen Kontrollen, auch wenn sie noch so häufig und lästig sind, nicht angebracht! Alle 100 bis 200 km sind diese Militärkontrollen postiert - die vielen Wehrpflichtigen im kinderreichen Mexiko müssen beschäftigt werden. Außerdem kann man auf diese Weise auch die ungeliebten Amerikaner ein wenig ärgern - natürlich nicht zu sehr - gerade nur soviel, dass sie nicht wegbleiben und ihr Geld woanders ausgeben. Weil natürlich jeder Gringo erst mal für einen US-Amerikaner gehalten wird, steht vorne und hinten an unserem Wohnmobil ganz groß »Alemania«. Auch die Kanadier kleben übrigens demonstrativ ihr Ahornblatt an die Windschutzscheibe - Deutsche haben jedoch in Mexiko einen Sonderbonus ...

... Derweil ist vorn in der Bucht schon wieder großer Betrieb. Wir schnappen uns die Kamera und tigern neugierig los. Am Strand liegt ein halbes Dutzend Boote. Aber es sind nicht jene simplen Kähne, mit denen Fischer normalerweise zwecks Broterwerb auf Fang gehen. Haben einige doch herausgefunden, dass es wesentlich einträglicher und praktischer ist, die reichen Gringos ihre Fische selbst angeln zu lassen, anstatt ihnen den mühsam dem Meer abgerungenen Fang um drei Ecken und Zwischenhändler herum zu verkaufen. Man braucht dazu nur einen Drehsitz in den vorhandenen Kahn einzubauen, schraubt eine stabile Befestigung für ein Dutzend Angelruten dran und schippert alsdann die Gringos zum abgemachten Tarif aufs Meer hinaus. …Das Risiko des schlechten Fangs liegt dabei auf Seiten der Américanos. Ja natürlich, ein dickes Fell kann bei diesem Geschäft nicht schaden, muss man doch die Yankees anschließend gebührend bewundern, wenn sie am Strand stehen und sich in Heldenpose mit ihrem Fang ablichten lassen. Und dann muss man die Fische natürlich auch ausnehmen und filetieren. Außerdem sollte man auch tunlichst eine ergebene Lakaienmiene aufsetzen, denn mitunter sind, so wie heute, absolut arrogante Typen von der unsympathischen Sorte dabei. Den Pelikanen und Möwen ist das alles egal. Sie streiten sich lautstark um die Abfälle. Und wir stehen da, halten Kamera und Fernglas in der Hand und beobachten unangenehm berührt die krasse Szene. Sie erinnert uns an Südafrika. Dort haben reiche Buren zum Fischesäubern ihren Negerboy dabei.

Unseren Mägen sind die tiefschürfenden Gedanken über reiche Amis und arme Mexikaner schnurzegal. Beim Anblick von so viel Fischfilet beginnen sie prompt zu knurren. Wir marschieren zurück zum Wohnmobil, wo wir feststellen, dass unsere Solardusche schlapp und leer an der Befestigung baumelt - der Sprühschlauch liegt am Boden. Vermutlich hat ihn jemand abgezogen, damit unser Wasservorrat schneller zur Neige geht. Wir lassen uns dadurch nicht verdrießen und heizen hungrig den Gasgrill. Das Filet vom Stachelrochen schmeckt delikat. Nur Peter, der das Filet noch als richtigen Rochen gesehen und auch miterlebt hat, wie er zerlegt wurde, isst mit gedämpftem Appetit.

Abends steht wieder ein Besucher vor unserem Wohnmobil. Der junge Mexikaner gehört zur Fischerfamilie, die seit 50 Jahren in der Bucht lebt. Er hat ein Schreiben auf Englisch dabei, in dem steht, dass Campen in dieser Bucht illegal sei, und erklärt uns, dass wir nach 72 Stunden abfahren müssten. Angesichts der dreisten Gringos, die sich hier auf fremdem Grund und Boden Dauercampingplätze einrichten, können wir das durchaus verstehen. Wir persönlich möchten keinesfalls auf einem Platz stehen, wo wir unerwünscht sind, und beschließen, am nächsten Morgen abzufahren. Warum sind eigentlich die Amerikaner in Mexiko so unbeliebt? Wir bekommen es am nächsten Morgen beispielhaft demonstriert. Der bewusste Amerikaner schert sich keinen Deut darum, dass die Bewohner der Bucht, mögen ihre Besitztitel nun wasserdicht sein oder nicht, keine Camper hier haben möchten. Zuerst rückt er mit allerlei Gerätschaften an und platziert sie etwas abseits von unserem Wohnmobil, später bringt er mit einer zweiten und dritten Fuhre Terrassensteine und Holzbalken. Allem Anschein nach will er sich vor seinem Wohnwagen eine überdachte Terrasse bauen. So viel Unverfrorenheit verschlägt uns glatt die Sprache. Auch wenn die allermeisten amerikanischen Snowbirds, die zu Tausenden durchs Land ziehen, freundliche und hilfsbereite Zeitgenossen sind, letztendlich sind es die schlechten Erfahrungen mit einigen unangenehmen Typen, die die Mexikaner mit den Amerikanern assoziieren und somit für gegenseitige Spannungen und allgemeines Misstrauen sorgen.

 

Neuseeland:

…Die Einfuhr fremder Tierarten ging nicht immer gut aus, denn der Mensch brachte Ratten, Katzen, Hunde, Schafe, Rinder und Rotwild mit. Weidetiere und Rotwild setzen der heimischen Vegetation zu und Ratten, Katzen und Hunde stellen den flugunfähigen Vögeln nach. Dann kam man Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Idee, Kusus, australische Possums, einzuführen. Die Beuteltiere leben auf Bäumen, sind in etwa katzengroß und haben einen buschigen Schwanz.

Elegante Pelzmäntel sollten aus den nachtaktiven Gesellen werden. 60 $ erbrachte früher das Fell, wurde uns von einem Maori berichtet. Mittlerweile ist Pelz verpönt, und die putzigen Vegetarier, die sich von den Knospen und Trieben der empfindlichen heimischen Bäume ernähren, sind zur Plage geworden. Sie werden gejagt und vergiftet und ein großer Teil fällt dem nächtlichen Straßenverkehr zum Opfer, weil sie wie gebannt im Licht des Scheinwerferkegels auf der Straße sitzen bleiben. In allen Gebieten und Campgrounds, die vom DoC unterhalten werden, warnen große Tafeln vor ausgelegten Giftködern. Für Haustiere wie Hunde und Katzen besteht insofern keine Gefahr, als sie hier von vorneherein strikt verboten sind. In den Regionalparks, wo mitunter auch Weidetiere gehalten werden, geht es weniger streng zu. Da hat auch schon mal ein einzelnes Possum Narrenfreiheit. Im Awhitu Regional Park zum Beispiel steht mitten auf der Campingwiese ein ausladender Baum. Allen Nachstellungen zum Trotz hat hier ein Possum sein Revier. Fix und frech stibitzt es Brotstückchen, Nüsse und Rosinen und alles, was es sonst noch kriegen kann, und beim Anblick des drolligen Gesellen vergisst jeder Camper und jeder Ranger, dass der kleine Australier eigentlich ein Schädling ist. Auch Jake, der Maori, der früher den Possums gegen Bares an den Pelz ging, lässt für den putzigen Baumbewohner ein paar Nüsse auf dem Picknicktisch liegen. Er campt mit Kind und Kegel und seiner tonganischen Ehefrau in einem winzigen Bus. Weil die Tage kürzer und die Abende kühl werden, zieht sich die Familie beizeiten in den Bus zurück, schaltet das Licht an und am Morgen ist die Batterie leer. Es ist dummerweise die Startbatterie - sein Bus hat nur die eine. Möglicherweise wäre ja sein altersschwacher Keilriemen schuld an der Misere, meint Jake. Aber natürlich könnte es genauso gut sein, dass die ganze Lichtmaschine im Eimer ist. Wir helfen mit unserem Generator aus, und während unser kleiner Honda leise tuckernd die Batterie lädt, erzählt uns Jake, dass er, seit er nicht mehr Jagd auf Possums macht, von Berufs wegen Spediteur ist. Er hat einen Kleinlaster, dem neben der Beförderung von Waren mitunter eine äußerst wichtige und ehrenvolle Aufgabe zukommt. Jakes Ehefrau ist nämlich als Tonganerin eine treue und ergebene Untertanin seiner Majestät, König Taufa’ahau Tupou IV. Der schwergewichtige Tupou wiederum ist ein gewissenhafter Monarch, der seine Untertanen hin und wieder in der Fremde besucht. Die tonganische Gemeinde in Auckland ist zwar recht groß, aber als der König sich zum Besuch anmeldete, hatte keiner ein geeignetes Fahrzeug, um die Königliche Hoheit so zu transportieren, dass er trotz seiner majestätischen Leibesfülle den huldigenden Untertanen zuwinken konnte. Aber Jake, der Maori, hatte einen Kleinlaster und einen Sessel, der groß genug für das majestätische Hinterteil von Taufa’ahau Tupou IV. war. Und so tuckerte Jake mit dem huldvoll winkenden König auf der Ladefläche die jubelnden Reihen der tonganischen Gastarbeiter ab. Am Nachmittag, als das Benzin im Generator zur Neige gegangen und Jakes Batterie wieder voll ist, düst die Familie von dannen. Abends kommen sie zurück, verdrücken sich in den Camper und schalten das Licht an ...

Wir schalten auch das Licht an - dank unserer Stromsparlampen und der Solaranlage müssen wir uns deswegen keinen Sorgen machen - ziehen die Rollos herunter und lümmeln uns mit einem Schmöker in die Sitzecke. »Was kratzt da an der Tür?« Das Geräusch ist so laut, dass es sogar Peter gehört hat. Mit der Taschenlampe in der Hand schleicht Peter nach draußen: Das Possum ist munter geworden, sitzt im Lichtkegel der Taschenlampe und sieht uns unverwandt an. Erst als Peter näher kommt, flüchtet es in seinen Baum und beäugt uns aus sicherer Entfernung. Wir sind im Gegensatz zu Possums eindeutig tagaktiv. Selbst über dem interessantesten Roman werden uns irgendwann die Augen schwer, und wir ziehen die Bettdecke über die Ohren. Das Possum hingegen kommt jetzt erst richtig in Fahrt, rappelt an der Rückwand des Campers herum, und plötzlich tappst es ungeniert übers Dach und spitzt neugierig zur hochgekurbelten Dachluke im Alkoven herein. »He, der Strolch fällt noch zu uns ins Bett herein und zerreißt dabei das Fliegengitter von der Dachluke!« Peter klopft mit der Faust gegen die Wohnmobildecke. Das Possum zeigt sich unbeeindruckt. Erst als Peter mit einem Besenstiel bewaffnet, durch die Luke aufs Dach steigt, verduftet unser nächtlicher Besucher.

Morgens, wir sitzen gerade beim Frühstück, haben wir schon wieder einen Besucher. Einer von Jakes Sprösslingen steht vor der Tür. Sie hätten zwar gestern einen neuen Keilriemen eingebaut, aber die Batterie wäre dummerweise schon wieder leer. Und jetzt müssten sie wegfahren, ob wir nicht ein Starthilfekabel hätten. Haben wir. Aber neuseeländische Regionalparks sind weitläufig. Jakes Bus steht ein ganzes Ende weg und bei uns stehen die vollen Kaffeetassen auf dem Tisch. Wir kippen den Kaffee hinunter, stellen das Geschirr in die Spüle, starten den Motor und kurz darauf tuckert auch Jakes Bus wieder vor sich hin. Er ginge jetzt endgültig eine neue Lichtmaschine kaufen, ruft er uns zu, nachdem er die Familie im Camper verstaut hat.

 

 

Australien:

Wir lechzen nach Ruhe und Erfrischung und haben dem Trubel am Pool den Rücken gekehrt. Mehr Ruhe verspricht der abgelegene, weitläufige Nationalpark-Campingplatz und Erfrischung der Roper River, an dessen Verlauf durch den Park mehrere Badestellen liegen. Palmen und Eukalyptusbäume säumen seine Ufer, Kakadus und Sittiche liefern mit ihrem Geschrei und Gekreisch den passenden Dschungel-Sound.

Zuerst sticht mir das braune, undefinierbare Zeug ins Auge, das vereinzelt, teils in Teppichen auf der grünen Wasseroberfläche schwimmt. Abwässer? Nein, die sehen anders aus. Misstrauisch mustern wir das schlammige Ufer, das Wasser, das keinen Blick zum Grund durchlässt. Irgendwie trauen wir uns in die grüne Brühe nicht so recht hinein. Wenn es nur nicht so schrecklich heiß wäre ... Dann entdecke ich das Schild: Im Roper River gibt es Süßwasserkrokodile! »Ja, natürlich gibt es Süßwasserkrokodile im Fluss. Aber die Freshies sind vollkommen harmlos«, klärt uns der Ranger am Campingplatz auf. »Im Gegensatz zu den gefährlichen Salties, den Salzwasserkrokodilen, werden die nur maximal zweieinhalb bis drei Meter lang!« Ach, so klein sind die Tierchen, das ist ja ungemein beruhigend! »Wenn die so harmlos sind, warum stellt ihr dann Warnschilder auf?« »Das verlangt das Gesetz. Aber Freshies fressen nur Fische und Kleingetier, und sie gehen erst am Abend auf Beutefang. Deshalb darf man in der Dämmerung nicht mehr zum Baden gehen. Tagsüber ist Schwimmen völlig ungefährlich. Freshies sind so scheu, dass man sie gar nicht zu Gesicht bekommt«, und zur Bekräftigung seiner Worte drückt uns der Ranger einen Lageplan mit den besten Badestellen in die Hand.

Unterhalb des Campgrounds sind Badepontons im Fluss verankert. Man könnte wirklich ganz bequem über Leitern ins Wasser. Es schwimmen auch schon ein paar Leute in den grünen Fluten herum, und die Kids schubsen sich gegenseitig kichernd und spritzend ins kühle Nass. Von den Krokodilen ist nichts zu sehen. Es ist wirklich höllisch heiß, und das braune Zeug, das am Ufer herumschwimmt, sollen ja auch nur harmlose Algen sein ...

Das Schwimmen im Fluss ist ein Hochgenuss! Ein wenig ungewohnt, weil man im grünen Wasser nicht sieht, was unter einem ist, und weit weg vom rettenden Ponton getrauen wir uns auch nicht. Es könnte ja immerhin möglich sein, dass plötzlich ein drei Meter kurzes Süßwasserkrokodil außerplanmäßig Appetit auf importierte Germans bekommt.

 

Tasmanien:

Es gibt ja fast nichts, was richtige Wissenschaftler nicht des Erforschens wert fänden, aber so richtig interessant wird etwas erst, wenn es bereits ausgerottet, ausgestorben, oder zumindest vom Aussterben bedroht ist. Dankbare Studienobjekte sind auch bedrohte Naturvölker, weshalb sich Ethologen, Ethnologen und sonstige Gelehrte mit Vorliebe bei den letzten Yanomamis am Amazonas tummeln. Seit die Aborigines nicht mehr zum Abschuss freigegeben sind und sich deshalb wieder vermehren, sind sie statt interessant eher lästig. In Tasmanien allerdings, wo man mit dem Ausrotten wesentlich gründlicher war, hat die letzte reinrassige tasmanische Aboriginalfrau bereits 1876 das Zeitliche gesegnet. Ihr Skelett gelangte daraufhin posthum zu allerhöchsten Ehren und wurde im Dienste der Wissenschaft genauestens gewogen, vermessen und studiert.

Ebenso erging es dem Tasmanischen Tiger, der eigentlich kein Tiger, sondern ein Beutelwolf ist, bzw. war. Seit das letzte Exemplar in den dreißiger Jahren in einem Zoo in Hobart einging, ist diese Spezies vom Schafe reißenden Untier schon beinahe zum Wappentier aufgestiegen und ziert neuerdings sogar tasmanische Autonummern. Allerdings hofft die Wissenschaft, dass in der undurchdringlichen Wildnis Westtasmaniens noch einige Exemplare zu Studienzwecken überlebt haben könnten. Berichten zufolge soll nämlich immer wieder einmal ein Tasmanischer Tiger gesichtet worden sein. Auch Peter mit seinem Faible für Rares und Seltenes ist ganz wild auf einen dieser falschen Tiger. Ihm reicht jedoch einer aus Blech, weshalb er gleich am Morgen nach unserer Ankunft im tasmanischen Devonport beim Service Tasmania aufkreuzt, wo Autos angemeldet, und die Schilder abgemeldeter Autos abgegeben werden müssen. Die Story vom Wohnmobil-Weltreisenden, der solch seltene Licence Plates wie den Eisbären aus den kanadischen Northwest Territories sammelt, beeindruckt die Tassie-Beamten ungemein. Auch, dass er an den Nummernschildern der dicht besiedelten Staaten wie Victoria oder New South Wales nicht interessiert ist, schmeichelt den Bewohnern der kleinen Apfelinsel. Nur - sie dürfen die Schilder nicht einfach so herausrücken, das wäre illegal. Wenn Peter ein Paar mit den begehrten Tasmanischen Tigern haben möchte, bräuchte er eine offizielle Sammlerlizenz! Ein Paar? Wer redet denn von einem Paar? Peter will doch nur ein einziges, als Souvenir an das schöne Tasmanien! Ja wenn das so ist, ist die ganze Sache nur noch halb so illegal - und mit den besten Wünschen für das bevorstehende Weihnachtsfest greift die Beamtin hinter sich ins Regal und drückt Peter ein besonders gut erhaltenes Exemplar mit dem begehrten Tiger in die Hand. Die Tassies haben daraufhin vom ersten Tag an bei Peter einen dicken Stein im Brett.  

 


            

 
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